Gerade in den letzten Jahrzehnten hat sich die Pferdewelt stark verändert.
Sowohl die Reiter, als auch die gezüchteten Pferde sind sehr unterschiedlich im Vergleich zu früheren Zeiten. Im Freizeitreitbereich haben sich verschiedenste Strömungen, Theorien und Reitweisen etabliert, so dass quasi für jeden Geschmack etwas dabei ist.
Althergebrachtes wird in Frage gestellt, neu erklärt, ausgeblendet oder auch ganz neue Theorien in den Raum gestellt. Grundsätzlich ist Vielfalt immer zu begrüssen, allerdings sollten wir uns darüber im Klaren sein, dass wir es alle mit Pferden zu tun haben und denen ist der Hut, das Outfit oder die gerade vorherrschende Mode relativ egal, solange pferdegerecht, auch das ist natürlich relativ, und sinnvoll mit ihnen kommuniziert wird auf psychischer und physischer Ebene.
Für mich als Ausbilder sind die Hauptkriterien in der Ausbildung von Pferden und was Sinn ist und was Unsinn zum einen die Wissenschaft, die durch modernste diagnostische Verfahren einen viel besseren Einblick liefert, als auch noch vor einigen Jahren, zum anderen meine Erfahrung und in der Hauptsache das Feedback der Pferde. Hierbei ist es wichtig zu erkennen, dass es eben nicht DAS eine System gibt, sondern jedes Pferd individuelle Ansprüche an seinen Ausbilder stellt und dieser eben dies wahrnehmen und respektieren sollte
Ein mobiler Cartujano benötigt eine andere Ausbildung als ein vielleicht etwas unbeweglicheres Vollblut und ein introvertiertes Pferd einen anderen Ansatz als ein extrovertierter Strahlemann.
Wir sollten nicht vergessen, dass diese wunderbaren Lebewesen sich in den letzten Jahrtausenden spezialisiert und entwickelt haben. Grundsätzlich könnten wir zuerst einmal immer davon ausgehen, dass sie am Besten wissen, was gut für sie ist.
Wissenschaftliche Erkenntnisse – ein Beispiel
Leider halten sich in der Reiterei immer noch viele Lehrmeinungen, die mittlerweile stark überholt und wissenschaftlich widerlegt sind, wie z.B. die viel gepriesene Gewichtsverlagerung auf die Hinterhand, welche schlicht nicht stattfindet.
Seit 1990 wurden diverse Studien zu diesem Thema veröffentlicht, z.B. von Jose Morales, Hilary Clayton und Nancy Deuel oder auch Sophie Biau, die alle das selbe Ergebnis haben. Eine Gewichtsverlagerung auf die Hinterhand ist nicht messbar, so lange das Pferd nicht in den Schulen über der Erde geschult wurde. Was stattdessen passiert ist eine Anhebung des Brustkorbs im cervicothorakalen Übergang, dem Übergang zwischen Hals und Brustwirbelsäule, und eine Verlängerung der Standbeinphase, wenn das Pferd korrekt ausgebildet wurde. So hat das Pferde die Möglichkeit „weich“ in der Vorhand zu federn und gibt dem Reiter das Gefühl eine Verlagerung des Gewichts auf die Hinterhand, währen die Lastverteilung zwsichen Vorhand und Hinterhand gemessen am Bodengegendruck jedoch die gleiche bleibt.
„Es kommt darauf an“ – am Beispiel einer Reiteinheit
Abseits der wissenschaftlichen Erkenntnisse gibt es aber viele althergebrachte Verhaltensmuster des Menschen und Dogmen, die ich an diese Stelle gerne ein wenig aufbrechen möchte.
Stellen wir uns vor unserem inneren Auge doch einfach mal eine Reiteinheit auf einem unbekannten Pferd vor.
Viele beginnen damit das Pferd im Schritt am langen Zügel aufzuwärmen um die „Gelenke zu schmieren“.
Kommt das Pferd aus der Box, so kann dies natürlich durchaus sinnvoll sein. Sinnvoller wäre dann aber tatsächlich das Pferd zu führen und nicht mit dem Reitergewicht zu belasten- als angenehmer Nebeneffekt wärmt sich der Reiter gleich noch mit auf.
Lebt es in einer Offenstallhaltung und hat sich vorher bereits ausgiebig bewegt, können wir vielleicht anders beginnen. Ist es ein eher steifes Pferd macht es Sinn, es langsam zu dehnen und zu mobilisieren, ist es ein sehr bewegliches Pferd, sollten wir es von Anfang an eher stabilisieren. Sitzen wir bereits im Sattel, so können wir z.B. an der Linienführung arbeiten oder an kleinen Schulterverschiebungen, statt das Pferd durch langweiliges Schrittreiten auf der ganzen Bahn bereits am Anfang der Einheit zu demotivieren, gerade die so wichtige Basis kann hier sehr schön mit eingebaut werden.
Handelt es sich um ein junges oder auch ein eher instabiles Pferd, so ist nach 15 Minuten Schritt im Sattel eventuell die aktuelle Leistungsfähigkeit des Pferdes psychisch, wie auch physisch bereits weit überschritten und wir haben zwar die Gelenke geschmiert, aber den Brustkorb nach unten geritten und damit nichts positives erreicht.
Es kommt also bereits hier darauf an sich zu überlegen, was ist für mein Pferd sinnvoll, wie kann ich es motivieren und optimal vorbereiten um die Kraft und Freude zu erhalten und zu fördern und bestmöglich für das eventuell weiter darauf folgende „Training“ vorzubereiten.
Ausserdem bietet sich schon hier eine optimale Möglichkeit in das Pferd hinein zu hören und den geplanten Ablauf der Einheit eventuell anzupassen, bzw. zu modifizieren, Spannungen und Ungleichgewichte wahrzunehmen und sich darauf einzustellen, bzw. sich geeignete Übungen zu überlegen um hieran zu arbeiten und Besserung zu schaffen.
Nun gehen wir an die Lösungsphase, klassischerweise im flotten Trab auf grossen Linien. Gerne auch im Leichtraben mit einem nach Lehrbuch leichtrabendem Reiter, der von seiner eigenen Physiologie aber so ständig treibende Impulse auf das gerade am Boden stehende innere Hinterbein gibt.
Für das ein oder andere Pferd ganz vielleicht eine gute Idee, ein anderes neigt aber durch die eher 2-dimensionale Bewegung vielleicht eher dazu sich dabei fest zu machen, bzw. fühlt sich durch das Tempo überfordert, da es dieses noch gar nicht ausbalancieren kann und wird daher eher fest, also genau das Gegenteil von dem was man erreichen möchte.
Oft zu sehen sind hier Reiter, die ihre Pferde „vorwärts“ treiben, statt sie in einem ruhigen Trab in die Losgelassenheit zu bringen.
Um das Tempo zu erhöhen muss das Pferd körperlich in der Lage sein die schiebenden Kräfte der Hinterhand mit den vorwärts aufwärts tragenden Kräften der Vorhand in Einklang zu bringen. Schafft es dies nicht, wird es entweder triebig werden oder versuchen über Tempo zu kompensieren, in dem es quasi seinem Schwerpunkt hinterherläuft, den Rücken fest macht und die Vorhand überlastet. Der Begriff „treiben“ aus der Reitersprache hat nichts mit vorwärts im Sinne von Tempo zu tun, sondern mit der Erhöhung der Energie in Losgelassenheit nach vorwärts aufwärts wenn das Pferd gelernt hat, auch mit Reitergewicht, den Brustkorb zwischen den Schultern anzuheben und zu stabilisieren- „aus dem Tempo schafft man keine Balance“. Leider werden heute viele Pferde schlicht zu schnell geritten, sicher mit guten Absichten, welche jedoch nicht zielführend sind. Natürlich ist auch zu langsam nicht zielführend, vielmehr gilt es für jedes Pferd das richtige Grundtempo zu finden, bzw. zuzulassen.
Vielleicht auch lässt ein anderes Pferd im Galopp deutlich besser los und kann die Muskulatur lockern, da es sich hier besser stabilisieren kann und ihm die Gangart einfach besser liegt. Dies gilt es zu erkennen und sich als Reiter darauf einzustellen, statt dem gängigen Lehrprinzip, bzw. dem täglich gesehenen, ohne es zu hinterfragen, stumpf zu folgen oder es nachzuahmen.
Es kommt also darauf an nicht das zu machen, was alle machen, sondern ganz individuell zu entscheiden welche Gangart und welches Tempo für das individuelle Pferd das richtige Mass ist um das so wichtige Ziel der Losgelassenheit zu erreichen.
Nun geht es an die Dressur, wichtig um das Pferd beweglich zu machen, zu stabilisieren, gerade zu richten und gesund zu erhalten.
Seitengänge auf beiden Händen, Übergänge, vielleicht mal ein Galoppwechsel oder eine Pirouette.
Ja, Dressur ist gut, wenn der Reiter genau weiss, warum er etwas tut, was er damit gutes für das Pferd erreichen will, wie er es tut und dann auch reflektiert ob es sinnvoll war oder eher nicht, bzw. geholfen hat. Ein Schulter Herein kann z.B. auf der einen Hand eine ganz grossartige und hilfreiche Übung für ein Pferd sein, während es auf der anderen Hand mehr Schaden anrichtet als nützt.
Eine Traversale kann eine ganz wunderbar Lektion sein, wenn der Reiter die Gesundheit des Pferdes im Fokus hat und nicht ein möglichst spektakuläres Seitwärts. Übergänge sind natürlich sinnvoll, wenn das Pferd dabei aufmerksam wird, lernt seinen Körper zu nutzen und sich mehr und mehr ausbalanciert, jedoch nicht wenn es bei jedem Übergang mit dem Brustkorb durchsackt und die Vorhand überlastet.
Als Reiter müssen wir also die körperlichen Schwierigkeiten des Pferdes erkennen und ganz gezielt daran arbeiten, statt Lektionen zu trainieren um ihrer selbst Willen. Denn nur dann folgt die Dressur dem oben beschriebenen Zweck dem Pferd zu helfen in seine Balance unter dem Reiter zu finden.
Wir haben z.B. ganz unterschiedliche Pferde zu Hause. So profitiert unser hyperbeweglicher Cartujano sehr von ruhiger und sehr kontrollierter Schrittarbeit auf möglichst geraden und minimal gebogenen Linien. Würde es nach ihm gehen, könnte er bereits am Anfang einer Reit- oder Handarbeitseinheit alle Seitengänge anbieten und gerne auch ein paar Piafftritte, würd aber hierbei evtl. auch schnell ins Adrenalin und so in die Verspannung kommen, obwohl im diese Lektionen sehr leicht fallen. Wichtig ist es ihm zu helfen stabiler zu werden und die Ruhe und Losgelassenheit zu erhalten, statt sein Potential auszunutzen und ihm hiermit körperlich mehr zu Schaden als zu nutzen. Der Fokus des Ausbilders auf Mobilisation wäre fatal für dieses Pferd und würde seiner Gesundheit dauerhaft mit Sicherheit Schaden zufügen.
Unser eher modern gezogener Spanier hingegen benötigt sehr viel lösende und ausbalancierende Arbeit und eine deutlich längere Aufwärmphase um geschmeidig werden zu können. Auf Grund seiner Vergangenheit ist es ausserdem enorm wichtig, einen mentalen Zugang zu ihm zu bekommen, da er sonst dazu neigt sich zu verschliessen und dadurch zu verspannen, was es als Ausbilder immer wieder zu reflektieren gilt. Er kann z.B. „wunderbar“ im schnellen Tempo vorwärts traben, was er in der Grundausbildung (nicht bei uns) gelernt hat, macht sich hierbei aber fest im Rücken und muss immer wider dazu ermutigt werden, seinen eigenen ruhigen Takt zu finden und diesen auch gehen zu dürfen.
Nach getaner Arbeit
Natürlich stellen wir das Pferd nach verrichteter Arbeit nicht direkt zurück in den Stall, schliesslich muss der Körper ja wieder etwas abkühlen und die Muskulatur soll nicht verspannen. Allerdings sind 10 Minuten Schritt reiten am Ende der Einheit wenig sinnvoll, wenn wir hierbei den gerade nach oben gearbeiteten Brustkorb wieder in den Boden reiten und quasi das kaputt machen, was wir gerade evtl. gutes getan haben. Auch hier bietet es sich also an abzusteigen und das Pferd am Boden zu führen, evtl. kann man ja auch noch eine Runde um die Reitanlage spazieren, für das Pferd wesentlich interessanter und motivierender für die nächste Einheit als nochmals 10 Minuten zwischen A und C zu pendeln.
Veränderte Anforderungen
Gerade mit der modernen Zucht gehen leider auch Probleme einher, die den Pferdebesitzer vor immer neue Herausforderungen stellen. PSSM 1 und 2, ECVM und Hypermobilität sind in aller Munde, aber auch die Reiterei und Ausbildung von Reitpferden muss sich darauf einstellen.
Ist es einem Pferde mit ECVM überhaupt möglich sich beidseitig gleichmässig zu biegen oder sollten wir hier einen ganz anderen Fokus setzen, hat ein PSSM Pferd das muskuläre Potential den Hilfen des Reiters Folge zu leisten, ist es sinnvoll, das hypermobile Pferd in starken Seitengängen zu mobilisieren, oder destabilisieren wir es hiermit nur noch mehr.
Die Dressur ist für das Pferd da
Es geht nicht darum dem Pferd etwas beizubringen um hiermit vor Publikum zu glänzen, vielmehr bedeutet gutes Reiten sich auf jedes Pferd individuell einzustellen, Schwierigkeiten zu erkennen, zu helfen, es zu fördern und in seinem ganz persönlichen Glanz strahlen zu lassen, wozu es nicht der hohen Schule und spektakulärer Lektionen bedarf. Hierbei kann es durchaus sinnvoll sein Wissen und Potential als Ausbilder zu erweitern, von verschiedenen Ansätzen zu profitieren und offen zu bleiben, statt unüberlegt einem althergebrachten System zu folgen und nichts zu hinterfragen. Mit Sicherheit kann es auch verwirrend und manchmal frustrierend sein, denn man ist immer wieder gezwungen sich selbst zu reflektieren und zu erkennen, dass das einzige was man wirklich weiss eben ist, dass man noch lange nicht alles weiss und auch nie alles wissen wird.
Aber gerade dieses ständige forschen und lernen, die immer wieder neuen Herausforderungen mit ganz unterschiedlichen Pferden, die Suche nach Lösungen und Hilfe für jedes einzelne von ihnen, der leider häufig viel zu wenig stattfindende Austausch und die Offenheit Meinungen und Ideen anzupassen und gegebenenfalls zu revidieren, ohne alles was bisher galt gleich schlecht zu machen. Das ist es doch, unter anderem, was die Arbeit mit diesen wundervollen Lebewesen ausmacht, oder nicht?