TREIBENDE HILFEN IN DER ALTKALIFORNISCHEN REITKUNST

Die Reiterei der Vaqueros der neuen Welt hat keine offizielle Reitlehre wie zum Beispiel die Miltärschulen der europäischen Reitweisen oder niedergeschrieben Werke der alten Meister, da diese Form der Arbeitsreitweise meist von einfachen Männern oft indigener Abstammung ausgeführt wurde, welche durch Padres und spanische Ranchbesitzer geschult wurden. Das Besondere ist, dass die Reitkunst spanischen Ursprungs der Conquistadores verschmolz mit dem natürlichen Umgang mit Tieren und der intuitiven Herangehensweise der amerikanischen Ureinwohner.

Aber natürlich gibt es Aufzeichnungen und Erzählungen.

Oft hört man, das einzige Buch über die Reiterei der California Vaqueros wäre „Hackamore Reinsman“ von Ed Conell, einem Journalisten, der als Vaquero arbeitet und hierdurch Einblick erhielt und welches 1952 veröffentlicht wurde. Dies ist natürlich nicht richtig, auch Autoren wie Jo Mora oder Luis Ortega haben über die Reiterei der westlichen neuen Welt geschrieben, nicht zu vergessen Arnold Rojas und andere. Bei den Werken der genannten Autoren handelt es sich allerdings nicht um eine explizite Lehre der Reiterei, sondern Erzählungen und Beschreibungen, aus denen zwischen den Zeilen aber viel gelesen werden kann. Als wirkliche Reitlehre zu erwähnen ist das Werk „Tractado de la cavalleria de la gineta“ von Pedro de Aguilar, geschrieben 1572 in Sevilla. Dieses Werk befasst sich detailliert mit der Militärreiterei der spanischen Conquistadores, den Ausrüstungsgegenständen, deren Anwendung und auch der Hilfengebung, welches als Ursprung der Vaquero Reiterei in Baja California angesehen werden kann. Auch die Lehren Bauchers flossen später mit ein, dessen Werk offizielle Heeresdienstvorschrift nicht nur des Cadre Noir, sondern auch der amerikanischen Kavallerie wurde. Leider ist das Werk des Pedro de Aguilar nur in altspanisch verfügbar und wurde nie übersetzt, so dass es sehr gute Spanischkenntnisse erfordert dieses zu lesen. Vieles wurde lediglich innerhalb der Familien weitergegeben.

Aber beginnen wir in der aktuellen Zeit. In seinem Buch „Hackamore Reinsman“ schildert Ed Conell die Frage an einen Vaquero, ob er seine Beine beim Reiten benutzen würde und erhält die Antwort „Nein“. Hierauf beruhend wird heute oft behauptet in dieser Reiterei ginge es alleine um Zügelsignale, der Schenkel und auch Sitz würde gar nicht benutzt um das Pferd zu beeinflussen bzw. lediglich um es vorwärts zu reiten. Kennt man die Mentalität der alten Vaqueros, so liegt allerdings die Vermutung nahe, dass der Gefragte lediglich auf die Frage geantwortet hat. Auf einem sehr gut ausgebildeten Bridle Horse sitzend, welches sich durch Neck Reining dirigieren liess, war die Antwort also ein schlichtes „Nein“. Hätte die Frage gelautet „Hast du deine Beine bei der Ausbildung dieses Pferdes benutzt?“, wäre die Antwort sehr wahrscheinlich anders ausgefallen. Ausserdem ist natürlich jedem Reiter klar, dass die Schenkel des Reiters immer auf das Pferd einwirken, ob nun bewusst oder unbewusst.

Also werde ich aus meiner eigenen Erfahrung berichten.

Stellen wir uns doch zuerst die Frage welche treibenden Hilfen gibt es überhaupt im allgemeinen?

Treibend wirken kann der Sitz, die Wade, der Zügel, ein akustisches Signal, der Fokus des Reiters, aber auch ein optisches Ziel, wie zum Beispiel ein sich bewegendes Rind, dem das Pferd folgt.

In der altkalifornischen Reitweise wurden und werden die Pferde primär im Gelände und in der Arbeit ausgebildet, weshalb bereits ein deutlich grösserer natürlicher Vorwärtsdrang als in der Reitbahn vorherrschend ist und der Reiter von Beginn an mehr rahmend als treibend auf das Pferd einwirken kann.
Das junge Pferd lernt durch leichtes Anspannen der Wade und des Gesäss und die Berührung der Wade am Bauch anzutreten. Darauf folgend kann diese Hilfe genutzt werden es zu animieren entweder engagierter „vorwärts“ oder seitwärts zu treten. Hierbei sollte der Schenkelimpuls auf das jeweils abfussende Hinterbein gesetzt werden, um für das Pferd Sinn zu machen, denn nur ein in der Luft befindliches Bein kann in seiner Bewegung beeinflusst werden. Erreicht wird hierdurch ein weiteres Vortreten des Hinterbeins und dadurch eine Verstärkung des Schubs forciert.

Aber auch der Zügel kann treibend wirken, so sind zum Beispiel junge Pferde auf geraden Linien sehr gut in den Galopp zu schicken, in dem die Hand einfach im Galopp Takt vom Widerrits in Richtung Pferdeohr nach vorne geführt wird. Kombiniert mit einem auffordernden Stimmkommando, welches das Pferd optimalerweise bereits aus der vorbereitenden Bodenarbeit kennt, ist der erste Galopp meist kein Problem- die Reiterhand gibt quasi den Galopp vor, so das das junge Pferde diesem Takt folgen und hierdurch den Galopp unter dem Reiter entdecken kann. Ziel ist es ein Pferd so auszubilden, dass dieses eine Gangart, eine Form und ein Tempo einnimmt, ohne ständig wieder daran erinnert werden zu müssen, so dass der Reiter sich der Arbeit an den Rindern im Sattel widmen kann – ohne das Pferd dauerhaft animieren zu müssen.

Hierbei geht es vorrangig natürlich nicht um Tempo, sondern um ein freiwilliges fleissiges Vorwärts des jungen Pferdes ohne dabei zu rennen und die Schulung in ruhigen und korrekten Manövern und Bewegungen. Dass Pferd sollte nicht durch die treibenden Hilfen in ein übermässiges Tempo versetzt werden, welches es aus seinem natürlichen Gleichgewicht bringt.
Auch lässt sich ein fleissiges Vorwärts und Balance erarbeiten, in dem einfach viel im Gelände innerhalb der Gangarten in unterschiedlichen Geländegegebenheiten geritten wird. Folgt man dieser Prämisse kann das Pferd meist durchaus ein Leben lang in einer gesunden Gebrauchshaltung gesund und ohne übermässigen Verschleiss abwechlungsreich ausgebildet werden und freudig seinen Reiter tragen, solange dieser nicht schnelle Bewegungen durch treibende Hilfen forciert, für die das Pferd einen höheren Grad der Balance benötigen würde.

Möchte der Reiter allerdings mehr Leistung in Form von höheren Lektionen oder mehr Geschwindigkeit, zum Beispiel bei der Arbeit am Rind, so sollte er sich Gedanken machen, wie er das Pferd hierfür otimal vorbereiten und schulen kann, das dieses dabei gesund bleiben und seinen Reiter verschleissfrei tragen kann.

Hierzu ein kurz zusammengefasster biomechanischer Exkurs.

Der treibende Impuls soll das Pferd im klassischen Sinn nicht zwingend dazu bringen schneller zu werden und vor allem nicht seinem Gleichgewicht hinterer zu laufen, wenngleich genau dies natürlich am Anfang passiert, sonder vielmehr das sich im Gleichgewicht befindliche Pferd dazu animieren energischer und kraftvoller zu gehen, bzw. zu treten und sich ebenfalls tensegral mehr aufzuspannen, also seine Strukturen in der Kraft zu dehnen bzw aufzuspannen.

Hierzu muss das Pferd allerdings vorher in der entsprechenden Balance ausgebildet sein, um diesen Impuls überhaupt in eine Vorwärts-Aufwärts Bewegung umleiten zu können. Besonderes Augenmerk hierbei daher auch der Schulung der Vorhand des Pferdes, welche die Energie durch ihr Stützfunktion abbremsen und nach aufwärts umleiten kann. Das Pferd sollte gelernt haben seine Wirbelsäule zu zentrieren und seine Rumpfträger, bzw. die thorakale Muskelschlinge zu aktivieren, um den Brustkorn anheben zu können, welcher rein muskulär mit den Schulterblättern verbunden ist. Erfolgt dieser Ausbildungsschritt nicht, so wird der treibende Schenkelimpuls das Pferd entweder schneller machen, oder eben eine Energie erzeugen, die der Riter dann durch übermässigen Handeinsatz versucht abzufangen , was beides einen vermehrten Verschleiss der Vorhand zur Folge hat. Weiterhin wird das Pferd dann nie am losen Züge in einer Arbeitsreitweise in schnellen Manövern gesund geritten werden können, sondern immer die Hand des Reiters in Form von Anlehnung benötigen und sehr wahrscheinlich Ausgleichsstrategien wie zum Beispiel das Abkippen des Beckens durch Öffnung des Lumbosakralgelenks entwickeln, was im Moment der Lastaufnahme der Hinterbeine pathologisch wäre.

Die oft propagierte Aktivierung der Hinterhand macht daher erst Sinn, wenn das Pferd durch die rahmenden Hilfen des Reiters gelernt hat die Rumpfträger zu benutzen und seinen Takt und seine Kadenz gefunden und entwickelt hat.

Ist das Pferd trotz Reitergewicht in der Lage durch eben diese Aktivierung der Rumpfträger und Zentrierung der Wirbelsäule seinen Widerrist wieder auf gleiche Höhe wie die Kruppe, oder sogar höher, anzuheben, so kann es die durch den treibenden Schenkel entfachte Energie in eine elastische Aufwärtsbewegung umleiten ohne schlicht unter dem Reiter davon zu rennen und wird so in die Lage versetzt nicht nur sich selbst, sondern auch seinen Reiter gesund und verschleissfrei tragen zu können.

Gehen wir nun in eine Arbeitsreitweise wie die altkalifornische Reitweise, so muss der Erhalt dieser Balance in schnellen Manövern oberste Priorität haben um einerseits die Gesundheit des Pferdes zu erhalten, aber auch um die grösstmögliche Dynamik und Schnelligkeit in den Manövern am Rind erreichen zu können.

Leider wird in den heutigen Arbeitsreitweisen hierauf meist kein Wert mehr gelegt, da die Pferde, wie in allen modernen Abwandlungen der klassischen Reiterei, mit dem Fokus auf schneller Ausbildung und Effizienz trainiert werden, oft zu Lasten der Gesundheit. Lektionen der hohen Schule, wie sie in früheren Zeiten üblich waren und zur Ausbildung gehörten werden schlicht nicht mehr benötigt und daher auch nicht ausgebildet, bzw. fehlt vielen Reitern der Neuzeit das Know how hierzu, oder sie werden zu schnell und biomchansich nicht korrekt ausgebildet, was der Gesundheit des Pferdes auf lange Sicht oft nicht förderlich ist.

Oft werden Pferde als faul oder unwillig bezeichnet, denen schlicht das körperliche Vermögen fehlt, die gefragten Leistungen zu zeigen. Die treibende Hilfe wird dann zum Zwang, statt dem Pferd eine wirkliche Hilfestellung zu leisten.

Doch zurück zu den treibenden Hilfen und deren Einsatz in der täglichen Arbeit am Rind.
Hier besteht ein deutlicher Unterschied der treibenden Hilfen, bzw. der Energierichtung in Abhängigkeit zur Aggressivität der Rinder. Bei der Arbeit mit angriffslustigen Tieren ist die Energie des Reiters am inneren Bein. Im Falle eines Angriffs durch das Rind muss das Pferd in der Lage sein in Sekundenbruchteilen die erforderliche Distanz wieder herzustellen und vom inneren Schenkel weichen, also quasi passiv arbeiten und auf das Rind reagieren.

Bei der aktiven Arbeit am Rind geht es viel mehr darum das Pferd zum Rind hin vom äusseren Schenkel arbeiten und damit das Rind in seiner Bewegung beeinflussen zu können. So wird ein schneller Turn immer zum Rind hin auf dem inneren Hinterbein des Pferdes geritten. Die Geschwindigkeit in der Bewegung des Pferdes kommt hierbei vom äusseren Schenkel, der leicht zurück gelegt die Kruppe am ausfallen hindert und das äussere Hinterbein beschleunigt und animiert, damit diese quasi schneller um das innere Hinterbein des Pferde laufen kann, der äussere Zügel nimmt hierbei die Schulter des Pferdes mit und kann, wenn er impulsartig eingesetzt wird, ebenfalls treibend wirken.

Wird das Rind mit dem Lasso eingefangen ist wiederum die Vorhandwendung die wichtigere Lektion, da die Vorhand sich in einer Linie mit dem Sattelhorn befindet an welchem das Lasso fixiert wird. Hinterhandwendungen würden in diesem Fall den gleichmässigen Druck im Lasso ruinieren und das Pferd zum Straucheln bringen. In der Wendung um das innere Vorderbein verwahrt der äussere Zügel die Schulter, während der innere Schenkel leicht zurück gelegt das innere Hinterbein des Pferdes seitwärts treibt.

Neben der oben beschriebenen Ausbildung in die Balance ist eine prompte Reaktion des Pferdes auf treibende Hilfen, seien sie nun vorwärts, seitwärts, rückwärts oder aufwärts treibend, essentiell und eine prompte Reaktion des Pferdes erforderlich. So ist es natürlich schön, wenn das Pferd auf den Schenkelimpuls beispielsweise in die Piaffe oder Passage geht, wenn das Rind aber zwischenzeitlich das Weite sucht ist hiermit keinem geholfen. Nichtsdestotrotz macht ein sehr fein an den Hilfen stehendes Pferd den „Job“ leichter.
Endziel ist allerdings ein Pferd, welches seine Form behält und tatsächlich fast ausschliesslich am Neckrein, also an den Zügeln am Hals zu dirigieren ist, da der Reiter sich in einer Arbeitssituation frei im Sattel bewegen können muss und unter Umständen auch unbeabsichtigte Schenkelimpulse gibt, die das Pferd nicht verwirren dürfen.

Da in unseren Breitengraden aber so gut wie niemand sein Geld damit verdient auf Ranches Rinder zu hüten denke ich, dass eine gute klassische Ausbildung nach den Prinzipien der alten Meister wie de la Guerriniere, Andrade oder Baucher den Grundstein legt für ein Pferd, welches auch mit Leichtigkeit, Eleganz und Finesse an den Rindern geritten werden kann und dabei gesund bleiben kann.